Aspekte einer sinnorientierten Heilpädagogik

1.                     Vorspann  
2.                     Einblicke in die Ursprünge der Heilpädagogik
3.                     Indikation: Heilpädagogik
3.1                   Leiderfahrungen    Leidüberwindung
3.2                   Hindernis: Leben    Lebensgestaltung
3.3                   Deprivation    Soziale Integration
4.                     Einstellungen zum Menschen: Menschenbild
4.1                   Diakrisis: unterscheiden - entscheiden!
4.2                   Pränatale Gendiagnostik: anything goes?
4.3                   Postvention: letzte Hilfe!
5.                     Werteverwirklichung



Du weißt nicht, wie schwer die Last ist,

die du nicht trägst.

[Afrikanisches Sprichwort]


Vorspann

Kein vernünftiger Mensch intendiert sein eigenes Leid. Wer strebte schon freiwillig einen Leidenszustand an? Die Erfahrung zeigt, daß Leid jemandem widerfährt: unerwartet, oft plötzlich und überraschend. Unfälle zum Beispiel,  die Geburt eines behinderten Kindes oder einschneidende Beziehungsabbrüche führen zu jenem Knick in der Lebenslinie, der das bisher "normale" Leben radikal verändern und in Frage stellen kann.

Ich kenne ein Ehepaar: beide erfolgreiche Psychologen, Nichtraucher, einer gesunden Ernährung verpflichtet usw.; die Schwangerschaftsuntersuchungen bei der Mutter deuteten auf ein gesundes Kind hin - bei der Geburt zeigte sich beim Kind eine Dysmelie, d.h. in diesem Falle eine Verkürzung des linken Armes.

Eine andere Mutter berichtete froh von von der Geburt ihrer gesunden ersten Tochter: die ganze Verwandtschaft und Nachbarschaft erfuhr von dem Ereignis. Nach der Geburt ihrer zweiten Tochter verhielt sie sich anders: sie machte zunächst keine Mitteilungen über ihr Neugeborenes, weil das Kind eine Lippen-Kiefern-, Gaumenspalte hatte.

Die unverhoffte Konfrontation mit einem Leid fällt in eine Zeit, in der Menschen weder an die Möglichkeit dachten ("Mir passiert sowas nicht!") noch bisher über das eingetretene Problem bzw. Schicksal reflektierten. Sie haben ein spezifisches Informationsbedürfnis. Sie suchen besonderen Trost und Wege der Leidüberwindung.

In dieser Zeit können Heilpädagogik und Logotherapie notwendig und hilfreich werden.

Unzählige Erfahrungen betroffener Menschen zeigen aber auch, daß ihre persönlichen Schicksale ihrem Leben einen unerhörten Gewinn geben können. Viele wollen um nichts auf der Welt auf ihr behindertes Kind verzichten. Besondere zwischenmenschliche Beziehungen haben sich in je eigener Qualität entwickelt. Viele Angehörige, professionelle Helfer und behinderte Menschen selbst erleben diesen immateriellen, nicht-utilitären Gewinn, der auch sekundärer Leidensgewinn genannt wird, tagtäglich.


2.                     Einblicke in die Ursprünge der Heilpädagogik

Die Ursprünge der Heilpädagogik gehen vermutlich auf Pestalozzi (1746 - 1827) zurück. Er kümmerte sich um die "vergessenen Kinder, um gebrochene, hinkende, schwächere Kinder, Kinder von Hingerichteten, landesverwiesenen Verbrechern usw.". Aus Frankreich wissen wir von Itard (1775 - 1838), der das "wilde Kind von Aveyron", ein sog. Wolfskind, zeitweise aufzog. Guggenbühl (1816 - 1863), ein schweizer Arzt, fand bei einer Wanderung in den Schweizer Alpen eine Kretine[1], die vor einem Marienbild kniete und betete. Dieses Erlebnis im Jahr 1836 erschütterte Guggenbühl so sehr, daß er ein feierliches Gelübte ablegte, "der Abhilfe dieses Jammers sein Leben zu weihen". 1841 gründete er bei Interlaken eine "Heilanstalt für Kretine und blödsinnige Kinder".

Der wesentliche Impuls der Heilpädagogik war wohl von emotionaler Natur: Einzelne wurden von fremden, kranken oder behinderten Menschen und deren Schicksal berührt, oft erschüttert, und sie empfanden einen unbedingten Fürsorgewillen. Sie erkannten, daß man solche Menschen sich nicht allein überlassen durfte und konnte.

Zwei deutsche Schulmeister, Georgens (1823 - 1886) und Deinhardt (1821 - 1880), gründeten 1856 in Baden bei Wien eine Heil- und Erziehungsanstalt für behinderte und nicht - behinderte Kinder. Demnach ist der Integrationsgedanke so alt wie die Heilpädagogik selbst. Leider wurde er bis heute nicht immer und überall konsequent weitergelebt und verwirklicht. Auch der Teamgedanke geht auf die Gründerzeit zurück und erklärt den Begriff in seiner Zusammensetzung von Heilen und Pädagogik: Arzt und Pädagoge (und andere) arbeiteten in der genannten Anstalt zusammen. Georgens und Deinhardt veröffentlichten 1861 zwölf Vorträge, die Deinhardt in Wien gehalten hatte. Das Buch: "Die Heilpädagogik mit besonderer Berücksichtigung der Idiotie und der Idiotenanstalten" enthält diese Vorträge. Damit war der Begriff Heilpäd-agogik erstmals öffentlich genannt. Doch schon den Wortschöpfern war klar, daß "bei Taubheit und Blindheit von einer eigentlichen Heilung seitens des Pädagogen nicht die Rede sein kann, sondern nur von der möglichsten Ausgleichung oder Ergänzung des vorhandenen Mangels"[2].

Die neuzeitliche Heilpädagogik, mit Beginn ihrer wissenschaftlichen Etablierung, läßt sich auf das Jahr 1931 datieren. Heinrich Hanselmann (1885 - 1960) erhält den ersten Lehrstuhl für Heilpädagogik in Europa (1931 - 1950) in Zürich. Er versteht unter Heilpädagogik "die Lehre vom Unterricht, von der Erziehung und Fürsorge aller jener Kinder, deren körperlich - seelische Entwicklung dauernd durch individuale und soziale Faktoren gehemmt ist"[3]. 

Hanselmanns Nachfolger in Zürich, Paul Moor (1899 - 1977), bringt seine Definition auf die bekannte und integrative Kurzformel "Heilpädagogik ist Pädagogik und nichts anderes"[4].

Ein anderer Quellfluß der Heilpädagogik kommt aus Österreich, wo Hans Asperger (1906 - 1980) sie der Medizin zuschreibt und sie als angewandte "Kinderpsychiatrie "[5]  bezeichnet. Auch die durch Rudolf Steiner (1861 - 1925) begründete anthroposophische Heilpädagogik wurde der medizinischen Sektion am Goetheanum in Dornach/Schweiz zugeordnet. Sie hat 1924 ihre Gründungszeit, als Steiner den "Heilpädagogischen Kurs"[6] gibt.

Im Unterschied zu den meisten Schulen der Psychotherapie läßt sich die Heilpädagogik nicht auf einen einzigen Lehrmeister zurückführen. Eine klassische Schule bzw. Lehre der Heilpäd-agogik gibt es nicht. Ich halte die heute in Deutschland gängige begriffliche Unterscheidung zwischen Sonderpädagogik, deren Wirkungsfeld die Sonderschulen sind,  und Heilpädagogik, die eher der außerschulischen Pädagogik verpflichtet ist, für zweckmäßig und weitgehend zutreffend.

Die Ausbildung zum Heilpädagogen erfolgt in Deutschland auf unterschiedlichen Bildungsebenen[7], sodaß das Berufsbild und die fachliche Definition "Heilpädagogik" sehr vielfältig und umfangreich ist.

In letzter Zeit wird Heilpädagogik auch im Kontext systemischen bzw. ökologischen Denkens betrachtet[8].


3.                     Indikation: Heilpädagogik

Eine Behinderung an sich begründet noch keine "heilpädagogische Bedürftigkeit"[9]. Ebensowenig rechtfertigt die aufgeworfene Sinnfrage allein schon einen Logotherapeuten. Viele Menschen, die mit einer Behinderung leben, haben noch nie einen Heilpädagogen beanspruchen müssen. Und Menschen, die die Sinnfrage stellen, sind deshalb nicht krank[10] und "brauchen Therapie". Es müssen folglich noch Faktoren hinzukommen, die eine professionelle Hilfe begründen: Heilpädagogik und Logotherapie brauchen  spezifische Indikationen.

3.1                   Leiderfahrungen    Leidüberwindung

Einer dieser Indikatoren ist das individuell erlebte Leid aufgrund einer Behinderung oder anderer Beeinträchtigungen. Die Notwendigkeit professioneller Hilfe wird von betroffenen Menschen mit der Vorstellung erklärt, daß sie mit ihrem Schicksal und den eigenen "Daseinsstrategien"  nicht weiter zurechtkommen. Ihre unglückliche Selbst - Erfahrung verbinden sie mit der Hoffnung auf Linderung oder Beseitigung des Leidens. Sie wollen an einem möglichst normalen Leben partizipieren und kein Schattendasein führen. Ratsuchende Menschen sind zunächst oft erfüllt von einem Sinnlosigkeitsgefühl, von einer Perspektivlosigkeit: einer existentiellen Frustration. Die Frage steht wie eine Anklage im Raum: "Warum ich?"

Im Unterschied zur logotherapeutischen Klientel, die für sich selber sprechen kann und Hilfe will, suchen meist die Angehörigen behinderter Menschen heilpädagogische Unterstützung. Ihre unmittelbare, aber sekundäre Betroffenheit bedingt ihr primäres Leid. Schwerstbehinderte Menschen oder manche Unfallopfer sind nicht in der Lage, für sich selbst die notwendige Lebenshilfe zu beanspruchen. Sie sind - anders als in der Logotherapie - existentiell auf Lobbyisten angewiesen, die für sie aktiv bzw. hilfreich werden.

3.2                   Hindernis: Leben    Lebensgestaltung

Ein anderer Indikator muß nicht unbedingt  mit Leiderlebnissen zusammenhängen. Behinderte und sinnsuchende Menschen oder deren Angehörige können den Wunsch haben nach professioneller Anleitung, Unterstützung und Beratung. Primäres Ziel ist hier nicht die Leidlinderung oder -beseitigung, sondern die konkrete Lebensbewältigung. Ratsuchende und Helfer befinden sich in einer dialogischen Beziehung, in der gemeinsam die Verbesserung der Lebenssituation angestrebt wird. Ein Lösungsweg im Sinne eines Patentrezeptes, der aufzeigte, wie man trotz erschwerter Lebensbedingungen zurechtkomme, ist beiden Dialogpartnern nicht vorgezeichnet. Entsprechende Wege müssen gesucht und erprobt werden. Ganz anders verhält es sich demgegenüber im schulischen Bereich: dort sind dem Lehrer sämtliche kognitiven Lösungen schulischer Probleme im Vorhinein bekannt. Seine Aufgabe besteht darin, den Schülern optimale Methoden zum Wissenserwerb bereitzustellen. In der außerschulischen Heilpädagogik kann das Leben schlechthin zum Hindernis werden. Die professionelle Kompetenz besteht hier in der Arbeit an optimalen Lebensprämissen bzw. -voraussetzungen. Beispielsweise müssen Lebensräume und Arbeitsfelder für behinderte Menschen geschaffen werden. Technische Geräte und Übungsmittel sind für individuelle Bedürfnisse bereit- oder herzustellen. Aber auch die Art und Weise des sozial - kommunikativen Umgangs, der mit den Auswirkungen einer organischen Beeinträchtigung einhergeht, müssen u.U. Angehörigen und anderen Mitmenschen verständlich gemacht werden.

3.3                   Deprivation    Soziale Integration

Während bei Psychotherapien die sog. Komm - Struktur erforderlich ist (der Klient kommt zum Therapeuten), ist in der Heilpädagogik die sog. Geh - Struktur (der Heilpädagoge geht zum Klienten) üblich. Manche heilpädagogisch bedürftige Menschen können gar nicht kommen, und würde man nicht auf sie zugehen, so würden sie verwahrlosen. Vom heilpädagogischen Klientel kann man nicht unbedingt erwarten, daß sie wissen, was Heilpädagogik ist und welche Hilfe sie erfahren können. Ein Defizit oder das Fehlen sozialer Zuwendung und sensorischer Reize hindern das Kind u.U. in seinen Entfaltungsmöglichkeiten.

Deprivation (wörtl.: Beraubung) droht immer dann, wenn Entwicklungspotentiale aufgrund fehlender Diagnose und Förderung unerkannt und unberücksichtigt bleiben.

Eine besondere Zielgruppe der Heilpädagogik ist die der Außenseiter in sozialen Gruppen (wie z.B. Kindergarten, Schule oder Heim). Oft fallen diese Kinder durch ihre Unauffälligkeit auf oder durch ihre Absonderung und Ausgrenzung von ihrer Peergroup. Eine soziale Verwahrlosung oder die Gefahr einer solchen indiziert Heilpädagogik.

Während bei fast allen Psychotherapien bestimmte "Vorleistungen" seitens der Klientel erbracht sein müssen, wie z.B. Reflexions-, Abstraktions- und Verbalisierungsfähigkeit, thematisches 'Material', das ein Klient mitbringt (z.B. Erfahrungen, Träume, Einstellungen), oder auch ein formulierter Leidbeseitigungswunsch, so sind in der Heilpädagogik keine derartigen Vorbedingungen erforderlich. Vielmehr fehlen gerade bei verwahrlosten Menschen jene Voraussetzungen. Insofern ist Heilpädagogik unbegrenzt zuständig, was nicht heißt, sie sei methodisch omnipotent.

 

4.                     Einstellungen zum Menschen: Menschenbild

Sowohl bewußte als auch implizit - unreflektierte Einstellungen zum Menschen (zu sich und zu anderen) beeinflussen die Art und Weise des Umgangs untereinander. Ein ausgezeichnetes Menschenbild ist für psychosoziale Berufe ein Lebenswerk, d.h. nie endgültig abgeschlossen. Es bestimmt Werthaltungen, die fühlbar und erkennbar sind.

Das Phänomen des Fremden begegnet uns in der Heilpädagogik existentiell: kein Professioneller war schon mal "geistigbehindert"; und viele andere Erfahrungen erscheinen uns völlig fremd. Fehlende Ich-Erfahrungen verlangen Einfühlungsbemühungen und uneingeschränkten Respekt vor dem Lebensschicksal unserer Gegenüber.

Im Folgenden konzentriere ich mich auf drei Gesichtspunkte: Diakrisis, Pränatale Gendiagnostik und Postvention.

4.1                   Diakrisis: unterscheiden - entscheiden!

Wer eine Krise durchschaut, unterscheidet (Diagnose einer Krise = Diakrise). Wer unterscheidet, erwirbt die Voraussetzung, zu entscheiden. Wer entscheidet, löst Krisen, indem er Stellung bezieht.

Heilpädagogik und Logotherapie helfen einem homo patiens zu unterscheiden. Eine Entscheidung für einen anderen Menschen steht einem Therapeuten in der Regel nicht zu. Die Unterscheidungsfähigkeit wird in der Heilpädagogik schon auf elementarer Ebene gefördert: im Wahrnehmungsbereich mit allen Sinnen, beim Denken, Handeln und Sprechen usw.

Immer ist es der personale Geist, der zu unterscheiden vermag, Stellung beziehen kann und Erkenntnisse ermöglicht. "Dieser unbedingte Glaube an den personalen Geist - dieser 'blinde' Glaube an die 'unsichtbare' aber unzerstörbare geistige Person"[11]  ist für Frankl das psychiatrische Credo - und es könnte ebenbürtig auch ein heilpädagogisches Credo sein. "Der personale Geist wird von der 'Geistes'-Krankheit nicht tangiert"[12] - die Unterscheidungskompetenz ist in jedem Menschen angelegt, auch wenn sie mitunter evoziert werden muß.

In der heilpädagogischen Arbeit mit (schwerst-) geistigbehinderten  Menschen ist die Unterscheidungsarbeit eine zentrale Aufgabe, weil sie Sinnerfahrungen ermöglicht. Sinnerfahrungen bzw. Wertsetzungen sind auf elementarer Ebene nachweisbar und erlebbar, und zwar schon im vorsprachlichen Bereich. Vergleichsweise lernen Kinder erst zu unterscheiden, dann zu entscheiden und schließlich erst zu sprechen.

Diakrisis und Sinnvermögen haben einen unbedingten Zusammenhang. Allein schon dadurch ist der Lebenswert eines jeden Menschen bewiesen (und nicht nur ethisch postuliert): wer unterscheiden kann, kann auch Sinn erfahren!

Die Unterscheidungsfähigkeit ist ferner die Voraussetzung für Leidwahrnehmung und Leidüberwindung. Sie ist elementar manifestiert als Ahnung. Ein hungerndes oder krankes Kind z.B., das nie in seinem Leben eine andere Erfahrung als seine eigene gemacht hat, leidet dennoch in und an seinem Zustand, weil es vermutlich eine Ahnung hat von einem besseren, glücklicheren Leben. Wer eine Ahnung - und zwar in einem präkognitiven Sinne - von einem besseren Leben spürt, der fühlt gleichermaßen eine Hoffnung, daß das Leiden überwindbar sei.

4.2                   Pränatale Gendiagnostik: anything goes?

Die Möglichkeiten der pränatalen Gendiagnostik stellen unser Menschenbild völlig neu in Frage. Vor etwa 50 Jahren hielt Frankl  seine "Metaklinischen Vorlesungen". Damals war die Geburt eines Kindes noch weitgehend unabhängig von pränatalen Zugriffsmöglichkeiten: "Das Sosein eines Kindes ist eines von Zufalls Gnaden, von Gnaden eines Würfelspiels des Schicksals..."[13], schreibt Frankl. 

Heute berichtet der Molekularbiologe Nolte in der Zeitschrift UNIVERSITAS (zu deren Beirat übrigens Frankl gehört), daß in absehbarer Zeit "die vollständige menschliche Erbinformation entschlüsselt"[14] sein wird. Schon jetzt sind verschiedene unheilbare Krankheiten aufgrund pränataler Gendiagnostik vorhersehbar. Nolte fragt: "Ist es gerechtfertigt, einen Embryo abzutreiben, wenn das Ungeborene im Erwachsenenalter erblinden oder taub wird?"[15]   Forderungen werden laut, daß "Eltern in Zukunft kein Recht haben werden, die Gesellschaft mit einem mißgebildeten oder geistig behinderten Kind zu belasten"[16]. Der gesellschaftliche Druck, z.B. durch Versicherungsgesellschaften, wird immer stärker, behinderte oder kranke Menschen zu verhindern.

Frankl schreibt: "Im Falle erbprognostischer Kontraindikationen gibt es eine Pflicht zur Empfängnisverhütung"[17]. Aber: "Im Augenblick der Zeugung, somit auch noch vor der Geburt, ist eine zumindest fakultative Person vorhanden, und der Abbruch ihrer Existenz wäre gleichbedeutend mit der Vernichtung einer Person schlechthin"[18].

Menschliches Leben beginnt mit der Zeugung[19]. Durch gendiagnostische Fortschritte lassen sich immer mehr "Behinderungen" voraussagen. Dadurch wird die Frage der Sinnhaftigkeit von Beeinträchtigungen schon zu einer Zeit aufgeworfen, in der das Kind noch gar nicht leibhaftig zu sehen ist. Anders als wenn die Sinnfrage aufgrund einer Behinderung nach der Geburt in einer unbestimmten Zeit zu klären ist, besteht für die potentiellen Eltern jetzt ein erheblicher befristeter Entscheidungsdruck. Früher lautete die Frage, wie mit dem (behinderten) Kind zu leben sein wird, heute ist die Frage, ob dieses Kind überhaupt zur Welt kommen soll.

Die Folgen der pränatalen Gendiagnostik und möglicher Genmanipulationen sind heute noch nicht völlig absehbar. Eine Vermeidung schwerer unheilbarer Krankheiten scheint vernünftig zu sein. Eine generalisierende Disqualifizierung und Entwürdigung sämtlichen Leidens aber könnte verheerende, utilitaristische  Folgen haben[20].

4.3                   Postvention: letzte Hilfe!

Nach Prävention und Krisenintervention gehört die Postvention zu dem originären Zuständigkeitsbereich der Heilpädagogik. Immer dann, wenn Leiden "perfekt", also bereits verursacht und eingetreten ist, ist es not-wendig, auf Leiden zu re-agieren.

Die anthropologische These lautet: solange es Menschen gibt, gibt es auch Leiden, und zwar in ganz unterschiedlichen Ausprägungen. Selbst gentechnische Fortschritte werden das menschliche Leid nicht beseitigen können. Das "Ur-Leid" ist für mich die Erkenntnis der Paradieslosigkeit. Das Paradies als Sinnbild der Leidlosigkeit wird einerseits ersehnt, andererseits ist es utopisch. "Wenn auf Erden alle das Schöne als schön erkennen, so ist dadurch schon das Häßliche gesetzt. Wenn auf Erden alle das Gute als gut erkennen, so ist dadurch schon das Nichtgute gesetzt" (Lao-Tse).

Unter dem Gesichtspunkt des bereits eingetretenen Leids werden entsprechende Symptome, bestimmte Behinderungsarten oder spezielle Unfallfolgen beliebig: sie wurzeln alle in der biographisch bzw. subjektiv neuen und jeweils einmaligen Erfahrung des realen Leids.

Dieses Leid - wodurch, wann und in welcher Weise es auch immer eingetreten ist - hat zunächst zwei Dimensionen: eine individuell-subjektive und eine systemisch-ökologische. Das Leid  wird erstens als unteilbar erlebt als körperlich-seelischer Schmerz. Der homo patiens steht zweitens in einem Beziehungsgeflecht zwischen Mitmenschen, Institutionen und anderen Subsystemen. Diese können leidverstärkend oder leidmildernd wirken. Heilpädagogische Bemühungen richten sich folglich an die leidende Person und an ihr soziales Umfeld.

Ein einmal eingetretenes Leid, das eine Postvention notwendig macht, hat noch zwei andere Dimensionen: eine irreversible und eine reversible. Zu den faktischen Bedingtheiten (irreversible Dimension) eines homo patiens gehören z.B. Körperbehinderungen, unheilbare Krankheiten, Verluste und Trennungen von Menschen.

Zu den fakultativen Unbedingtheiten (reversible Dimension) zählen alle rehabilitativen Leidensformen.

Beide Varianten erfordern die Trotzmacht (Frankl) des Geistes: in welcher Weise ist mit dem Unabänderlichen zu leben und  wie ist eine Leidverminderung oder -beseitigung methodisch erreichbar?

 

5.                     Werteverwirklichung

Die zentrale Aufgabe einer angewandten, sinnorientierten Heilpädagogik ist die Hilfe zur Werteverwirklichung.

Professionelle Bemühungen haben bisher zwei Zielrichtungen: Bildung und Hilfe zur Selbst-hilfe. Behinderte Menschen wollen aber nicht nur gebildet werden (man denke an die "Schulen für praktisch Bildbare"), und sie wollen sich auch nicht nur selbst helfen können. In beiden Konzepten transzendieren sich die Helfer - ob als Lehrer, Psychologe oder Heilpädagoge usf. Durch ihre Arbeit erfahren sie (!) ein hohes Maß an Sinnbefriedigung, indem sie bilden, helfen, erziehen usf.

Behinderte Menschen wollen sich, wie wohl alle Menschen, aber auch selbsttranszendieren. Sie wollen ihre eigenen Gaben, Fähigkeiten und Kenntnisse vermitteln, darstellen oder in einen Dienst stellen. Über den Weg der Selbsttranszendenz erfahren Menschen Sinn - und sich selbst als wertvoll. Nach 'Bildung' und 'Hilfe zur Selbsthilfe' bedeutet das Konzept der 'Hilfe zur Werteverwirklichung' eine wesentlich sinnstiftende Ergänzung.

Inzwischen gibt es zahlreiche Erfahrungen behinderter Menschen, die ihre eigenen Kompetenzen entfalten und dadurch anderen Menschen helfen und sie ermutigen. Exemplarisch sei in diesem Zusammenhang auf den "geistig Behinderten" Maler und Dichter Georg Paulmichl hingewiesen und auf die Darsteller in dem Film "Der Pannwitzblick". Weitere Beispiele kennen wir aus dem Alltag, von Selbsthilfegruppen und überall daher, wo kranke oder behinderte Menschen wieder anderen Vorbild und Trost sind.

In meinem Buch "Heilpädagogische Übungsbehandlung als Suche nach Sinn" (Bielefeld 19942) habe ich das bislang eher funktionsorientierte Konzept der Heilpädagogischen Übungsbehandlung mit den drei Franklschen Wertekategorien gekoppelt und in einen alltäglichen Kontext gestellt:          

 

                        das Wahrnehmen als Erlebniswert

                        das Handeln als schöpferischer Wert

                        das Denken als Einstellungswert.

 

Das Einüben von Fertigkeiten, etwa im Wahrnehmungsbereich, verfolgt keinen Selbstzweck und ist mit der jeweiligen Aneignung nicht abgeschlossen. Der Erwerb von Fähigkeiten im Sinnesbereich (z.B. Farben unterscheiden und benennen können) ist eine notwendige Voraussetzung, um sich in Spielen oder in der sog. Lebenswelt beteiligen zu können. Hier setzt die Hilfe zur Werteverwirklichung ein: wo und wie sind die jeweils erworbenen Kompetenzen einzubringen? Wofür will ich meine einzigartigen Fähigkeiten einsetzen? Ein großes Problem besteht z.B. in sinnvollen und ausreichenden Arbeitsmöglichkeiten für behinderte Schulabgänger.

Zur Zielgruppe der Heilpädagogik gehören einzelne Menschen, z.B. in Einrichtungen der Jugend-, Alten- und Behindertenhilfe, die innerhalb ihrer Peergroup eine Minderheit darstellen. Der Sinnverlust dieser Menschen äußert sich nicht immer in verbaler Form, sondern häufig als Apathie, Resignation oder Langeweile.  Ein typisch heilpädagogischer Weg erfolgt nicht primär auf der Gesprächs-, sondern auf der Handlungsebene.

Werteverwirklichung beginnt im Erlebnisbereich. Im Umgang mit kleinen Kindern, geistig behinderten Menschen oder mit alten, vielleicht lethargischen Menschen sind oft gemeinsame Handlungen angezeigt: Bewegungen, Spiele, Betrachtungen und Berührungen; Erfahrungen mit den Naturelementen Wasser, Luft, Erde und Feuer (Wärme) u.a.m. Auf der Handlungsebene wird der rational-reflektierende Intellekt, die Selbstdistanzierungs - Instanz im Menschen, zunächst ausgeklammert, weil gerade da partielles oder vorläufiges Unvermögen besteht. Nicht - kognitive Erfahrungen der Selbstdistanz erfolgen zunächst auf der Objekt- und Erlebnisebene.

Überall da, wo behinderte, aber auch alte Menschen institutionell nur bewahrt und versorgt werden, fehlen Möglichkeiten der Werteverwirklichung. Die heilpädagogische Arbeit erhält hier eine innovative Aufgabe: Menschen wollen nicht nur ver- und gepflegt, sondern auch gebraucht werden; sie wollen nicht nur gefördert, sondern auch gefordert werden.

Logotherapeutische Kenntnisse können Heilpädagogen helfen, Zugangswege zu finden, um jene Menschen aus dem Zustand des Dahinvegetierens herauszulocken. In der heilpäda-gogischen Arbeit mit schwerstbehinderten und unheilbar erkrankten Menschen sind die Fragen und Möglichkeiten der Werteverwirklichung aus meiner Sicht noch längst nicht erschöpfend bedacht bzw. beantwortet.

 

Literatur:

Asperger, Hans: Die österreichische Arbeitsgemeinschaft für Heilpädagogik. In: Bericht des dritten internationalen Kongresses für Heilpädagogik. (8.-12. Juni 1954 in Wien). Wien 1955

Hanselmann, Heinrich: Einführung in die Heilpädagogik. Zürich 19463

Moor, Paul: Heilpädagogik. Ein pädagogisches Lehrbuch. Bern 19743

Berufsverband der Heilpädagogen e.V. (Hg.): Berufsbild Heilpädagoge/Heilpädagogin. Bad Lauterberg/Büdelsdorf 1987

Hagmann und Simmen (Hg.): Systemisches Denken und die Heilpädagogik. Luzern 1990

Speck, Otto: System Heilpädagogik. Eine ökologisch reflexive Grundlegung.München 1987

Beschel: Der Eigencharakter der Hilfsschule. Weinheim 19653

Hagel, Hans Jürgen: Zum Selbstverständnis der Heilpädagogik als Handlungswissenschaft. In: Trautmann (Hg.): Denken und Handeln. Bd. 11. Bochum 1990

Frankl: Ärztliche Seelsorge. Wien 198210

Frankl: Der leidende Mensch. München 1990

Nolte, Friedrich:

Hegselmann, Rainer und Merkel, Reinhard (Hg.): Zur Debatte über Euthanasie. Frankfurt 1991

 

veröffentlicht in: Kurz u. Sedlak (Hg.): Kompendium der Logotherapie und Existenzanalyse;  
dort: Aspekte einer sinnzentrierten Heilpädagogik. Tübingen 1995


[1]Kretinismus = Unterfunktion der Schilddrüse infolge Jodmangels; hochgradiger Schwachsinn

[2]Georgens u. Deinhardt: Die Heilpädagogik mit besonderer Berücksichtigung der Idiotie und der Idiotenanstalten. Leipzig 1861, zu beziehen vom Institut für Heil- und Sonderpädagogik Giessen (ISBN: 3-922346-02-2)

[3]Hanselmann, Heinrich: Einführung in die Heilpädagogik. Zürich 19463, S. 11f.

[4]Moor, Paul: Heilpädagogik. Ein pädagogisches Lehrbuch. Bern 19743, S. 273, zu beziehen i.e. Neuauflage (1993) von der Schweizerischen  Zentralstelle für Heilpädagogik (SZH) in Luzern (ISBN: 3.908264-83-9)

[5]Asperger, Hans: Die österreichische Arbeitsgemeinschaft für Heilpädagogik. In: Bericht des dritten internationalen Kongresses für Heilpädagogik (08.-12. Juni 1954 in Wien). Wien 1955, S. 431

[6]Steiner, Rudolf: Heilpädagogischer Kurs. Dornach 1985

[7][Fachschulen, Fachakademien, Fachhochschulen, Universitäten]

vgl.:
a) Bundesanstalt für Arbeit (Hg.): Blätter zur Berufskunde: Heilpädagoge/Heilpädagogin. Bielefeld 19945
   
b) Arbeitsgemeinschaft für Erziehungshilfe (AFET) e.V. (Hg.): 25 Jahre heilpädagogische Ausbildung in der Bundesrepublik Deutschland. 
Anforderungen, Konzepte, Perspektiven. Heft 42/1988, Hannover.
c) Arbeitsgemeinschaft für Erziehungshilfe (AFET) e.V. (Hg.): Herausforderung zum heilpädagogischen Handeln - Situation und Perspektiven heilpädagogischer Ausbildung und Praxis in der Bundesrepublik Deutschland. Hannover, Oktober 1991

[8]Speck, Otto: System Heilpädagogik. Eine ökologisch reflexive Grundlegung. München 1987

Hagmann und Simmen (Hg.): Systemisches Denken und die Heilpädagogik. Luzern 1990

[9]der Begriff "Heilpädagogische Bedürftigkeit" stammt von Hagel, Hans-Jürgen: Zum Selbstverständnis der Heilpädagogik als Handlungswissenschaft. In: Trautmann (Hg.): Denken und Handeln. Bd. 11. Bochum 1990 (ISBN: 3-926013-10-9)

[10]Frankl, Viktor E.: Ärztliche Seelsorge. Wien 198210, S. 5f.

[11]Frankl, Viktor E.: Der leidende Mensch. München 1990, S. 173

[12]Frankl a.a.O., S. 170

[13]Frankl a.a.O., S. 177

[14]Nolte, Friedrich: Huntington, R.p., PKU. Gentechnik in der Medizin und ihre Gefahren. In: UNIVERSITAS 7/1994, S. 627-640 (Stuttgart)

[15]Nolte a.a.O.

[16]B. Glass, zit. bei Nolte, a.a.O., S. 634

[17]Frankl a.a.O., S. 178

[18]Frankl a.a.O., S. 179

[19]vgl.: Vorstand der Bundesvereinigung Lebenshilfe für geistig Behinderte e.V.: Zur Humangenetischen Beratung und zur pränatalen Diagnostik. Marburg 1994

[20]vgl. Hegselmann/Merkel  (Hg.): Zur Debatte über Euthanasie. Frankfurt 1991



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