Dr. phil. Dieter Lotz: Fragmentarisches zur Alterspädagogik. Zur Sinnfrage in der letzten Lebensphase. Salzburg, 30. Juni 2000



Die von damals hatten vieles noch nicht.
Aber wir haben vieles nicht mehr.
Kurt Tucholsky, Schnipsel (1932)

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Zunächst einmal bedanke ich mich für die Einladung, hier im Diakoniewerk, Diakonie - Zentrum Salzburg, zu Ihnen sprechen zu dürfen.

Mein Thema lautet 
"Fragmentarisches zur Alterspädagogik. Zur Sinnfrage in der letzten Altersphase".

Ich beginne mit einem biblischen Zitat:

"Jung bin ich noch an Jahren, ihr aber hochbetagt. Drum hielt ich mich zurück und scheute, mein Wissen Euch zu künden. Ich dachte, mag das Alter reden. Der Jahre Fülle soll die Weisheit lehren. Jedoch es ist der Geist des Menschen, des Höchsten Odem nur, der macht ihn klug. Die Hochbetagten sind nicht immer weise, nicht immer fassen Greise auch, was recht ist. Drum wage ich zu sagen: Hört mir zu! Auch ich will euch mein Wissen offenbaren." (Elihu, in: Hiob 32, 6-10)

1.  Fragment: Zahlen und andere Fakten

Demografisches

Höchstbetagte Menschen zwischen 70 und mehr als 100 Jahren sind die Bevölkerungsgruppe mit der höchsten Wachstumsrate (Universitas 10/96). Darüber hinaus steigt seit Jahrzehnten die Zahl der über 60jährigen Menschen. "Zur Gruppe der 'Alten' oder der Senioren zählt man heute spätestens ab 60 Jahren bzw. vom Zeitpunkt des Rentenbeginns an bis über 100 Jahren" (Lehr 1994, 100). Das betrifft eine Zeitspanne von über 4 Jahrzehnten. Diese äußerst heterogene Altersgruppe macht etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung der BRD aus.

Heute wird das "chronologische Alter" (Altersangabe in Jahreszahlen) als Maßstab vom "funktionalen Alter" (vitale Funktionen des Körpers und Geistes) abgelöst. "Danach begegnen uns 55jährige 'alte Alte' und 85jährige als 'junge Alte'" (Lehr 1994, 100). Die Amerikaner unterscheiden zwischen "go go's", den "slow go's" und den "no go's", wobei der Anteil der rüstigen Alten, den "go go's" am größten ist (Lehr 1994, 100).

"Für den überwiegenden Teil der über 60jährigen gilt, dass sie selbständig ihr Leben gestalten, einen guten Gesundheitszustand haben, ohne fremde Unterstützung auskommen und flexibel auf neue Anforderungen reagieren können" (Lehr 1994, 99). 


Hundertjährige und Ältere (BRD)

1965

224

1975

716

1985

1822

1991

3591

2000

12000-13000 (geschätzt)

 

 

 

 

Verhältnis ältere und jüngere (BRD)

1890

1 > 75 J.

79 jüngere

1939

1 > 75 J.

45 jüngere

1950

1 > 75 J.

35 jüngere

1970

1 > 75 J.

25 jüngere

1990

1 > 75 J.

12 jüngere

 

 

 

 

 

 

In Heimen

Zuhause in Pflege

Zuhause selbständig!

60-70jährige

0,6 %

1 %

98 %

70-80jährige

2,4 %

10 %

88 %

80-90jährige

10 %

20 %

70 %

> 90jährige

20 %

20 %

60 %

 

 









Die meisten >60jährigen leben in Ein-Personen-Haushalten.
Die Ein-Personen-Haushalte der >75jährigen nehmen zu.

Übrigens äußern ältere Menschen den gleichen Grad an Lebensfreude wie jüngere. In der "Berliner Altersstudie" (BASE) wurden die Lebenssituation und das Befinden von 516 alten Menschen zwischen 70 und mehr als 100 Jahren unter die Lupe genommen. Ungefähr zwei Drittel (63 Prozent) der Befragten gaben an, dass sie mit ihrem gegenwärtigen Leben zufrieden oder gar sehr zufrieden seien. 83 Prozent fühlten sich zudem wohl, wenn sie auf ihr bisheriges Leben zurückblickten, und noch einmal 63 Prozent erwarteten von der Zukunft ein Gefühl der Zufriedenheit. Allerdings äußerten Heimbewohner derselben Altersgruppe die geringsten Gefühle von Zufriedenheit (Universitas 10/96). Überhaupt bleibt die Frage offen, was mit der Minderheit, dem letzten Drittel, ist. Vor Jahren sangen schon die Beatles "Look at the lonely people, where do they all come from?" (aus: Eleanor Rigby).

Neurobiologisches
Neben den demografisch interessanten Zahlen lassen sich bedeutsame neurobiologische Informationen finden. Hirnforscher gehen davon aus, dass das menschliche Gehirn etwa 100 Milliarden Neuronen (= Nervenzellen) enthält. Jedes davon kommuniziert mit über 1000 Synapsen; dies macht zusammen mindestens 100 Billionen Synapsen (Roth 2000, 104). Zum Zeitpunkt der Geburt verfügt der Mensch zwar über "den vollen Satz Nervenzellen" (Singer 2000, 111), sie entwickeln sich aber bis zur Pubertät strukturell weiter. Der Entwicklungsprozess zwischen Geburt und Pubertät ist erfahrungsabhängig und wird durch Sinneseindrücke und vor allem durch soziale Interaktionen wesentlich geprägt. Jenseits dieser Entwicklungsphase gibt es somit keine Möglichkeit mehr, die Architektur und damit das Basisprogramm des Gehirns zu verändern" (Singer 2000, 112).

Unter diesem Gesichtspunkt könnte man den menschlichen Alterungsprozess ab der Pubertät festlegen. Aus entwicklungspädagogischer Sicht ist die Zeit bis zur Pubertät enorm wichtig.

Unser Thema aber ist an dieser Stelle, was das menschliche Gehirn von der Pubertät bis ins hohe Alter leisten muss. Das Zauberwort heißt Aktivierung. Zum einen muss sich das Gehirn aktivieren lassen, etwa durch äußere (Sinnes-)Reize, zum anderen muss es sich selbst aktivieren. Man spricht auch von selbstgenerierter Aktivität, zum Beispiel Assoziationen, innere Monologe. Nach Singer, Direktor des Frankfurter Max-Planck-Instituts für Hirnforschung, widmet sich das Gehirn bis zu 90% den inneren Monologen: "das Gehirn ist nie ruhig, sondern generiert ständig hoch komplexe Erregungsmuster, auch wenn Außenreize fehlen" (Singer 2000, 118 in UNIVERSITAS 2-2000). 

Der kalifornische Hirnforscher Terrence Sejnowski behauptet, dass Menschen, die bis ins hohe Alter geistig und körperlich rege blieben, nicht senil werden müssten. Das Gehirn, so sagt er, verändere sich ein Leben lang und bliebe bis ins hohe Alter lernfähig, wenn es angeregt wird und in Bewegung bleibt. Je früher ein Mensch mit diesem Training beginnt, desto besser bleibt seine Anpassungsfähigkeit und Flexibilität erhalten. (Training fürs Köpfchen, Die Zeit 8. Juni 2000, 36) 

Das funktionelle Alter (functional age) wird wesentlich bestimmt von der jeweiligen Lebensweise davor. Ich muss nicht erst ab 65 lernen, flexibel zu sein, mich auf Neues einzustellen, Neues zu lernen, zu erfahren, sondern sehr viel früher! Die Altersfunktionen oder Altersfähigkeiten werden bereits in jüngeren Jahren prädisponiert. Prophylaktisch hat diese Erkenntnis konkrete Auswirkungen auf die Zeit der Altersvorbereitung: früh übt sich wer gut alt werden will!

Später im Alter ruft die Frage der Flexibilität, der Offenheit, der körperlichen Bewegungsbereitschaft, der geistigen Regsamkeit vor allem biografisches Interesse hervor. Denn das früher einmal Eingeübte, könnte heute aktualisiert und aktiviert werden.  

Zusammenfassung:

Das sogenannte Alter umfasst mindestens eine Zeitspanne von 40 Jahren. Die "Alten" bilden folglich keine homogene Gruppe und sind auch nicht als homogen zu betrachten. Altern ist ein in hohem Maße individueller Prozess[1]. Körperliche Beweglichkeit und geistige Regsamkeit beeinflussen Fitness und Mobilität im Alter, lange vor der Altersphase. Durch entsprechende  (eigene) Aktivierung lässt sich die spätere Lebensqualität im Alter beeinflussen.

 

2. Fragment: Logotherapie – oder:  die Suche nach Sinn

Viktor Emil Frankl (26.03.1905 - 02.09.1997), 92;5 J., Wiener Neurologe und Psychiater, begründete ab 1925 die Logotherapie  und Existenzanalyse. In der Logotherapie steht die Sinnfrage im Mittelpunkt der Therapie. Diese gibt keinen Sinn vor, sondern verhilft Menschen, ihren je eigenen Sinn im Leben zu finden, wenn sie kaum mehr wahrhaben.

Die Frage nach dem Sinn im Leben ist eine urtypische Frage des Menschen. Nicht erst der alte Mensch fragt nach Sinn, sondern der in seinem Lebensschicksal durch ein einschneidendes, meist leidauslösendes Ereignis betroffene Mensch wird mit der Sinnfrage konfrontiert. Dabei interessiert ihn in einer solchen Situation nicht die Antwort auf die globale Frage nach dem Sinn des Lebens, sondern dem Sinn seines Lebens und seines Schicksals. Es handelt sich hier um eine ganz individuelle, subjektive Frage. Folglich muss sie, ganz im logotherapeutischen Sinne, auch individuell beantwortet werden. Nach Frankls Auffassung kann jeder Mensch unabhängig von seiner Religion oder Weltanschauung, in jeder Situation seines Lebens Sinn finden.

Diese Fähigkeit hängt nach Frankl unmittelbar mit zwei Gegebenheiten zusammen, die das typisch und einzigartig Menschliche ausmachen. Zum einen ist dies die Fähigkeit zur Selbstdistanz, zum anderen die Fähigkeit zur Selbsttranszendenz. Wir schauen uns die beiden Begriffe mal näher an, denn sie sind aus meiner Sicht die Kernpunkte einer wertgeleiteten Gerontopädagogik.

► Selbstdistanz meint, zu sich selbst - aus einer vorgestellten Distanz - Stellung beziehen zu können. Ich kann mich selbst erkennen, über mich Aussagen machen, mich selbst bewerten, beurteilen. Mit dieser noetischen (= geistigen) Grundausstattung sind wir beispielsweise in der Lage, körperliche und seelische Schmerzen zu benennen, selbstverständlich aber auch Freude und Wohlbefinden.

Wir sind befähigt, unseren eigenen Ist-Zustand zu beschreiben und zu bewerten: ich bin älter als Du; ich bin gebrechlich oder fit; ich bin ein eher nachdenklicher Mensch oder ein eher geselliger Typ; ich bin hilfsbedürftig oder: ich komme gut allein zurecht. Jeder Mensch lebt mit diesen Bildern von sich selbst. Diese Glaubenssätze und Überzeugungen bestimmen unser Selbstbild, unsere Weltsicht – kurz: unsere Realität.

Über unseren Ist-Stand hinaus können wir antizipieren, in die Zukunft blicken, Wünsche und Hoffnungen entwickeln. Wir können uns selber in ein Spannungsfeld von Ist und Soll, von Hier und Jetzt und von Bald und Später begeben. Mit unterschiedlicher zeitlicher Entfernung projizieren wir in unsere eigene Zukunft hinein indem wir Ziele, konkrete Lebensziele, erarbeiten und dahin streben. Wie gesagt: die Entfernung von Hier und Heute bis zu einem zukünftig antizipierten Ziel ist unterschiedlich lang und meines Erachtens nicht altersabhängig.

So beantworten beispielsweise Jugendliche ihren eigenen Zukunftsentwurf unterschiedlich konkret und unterschiedlich lang vorausblickend. Das oft beschworene Hier und Jetzt Prinzip macht Zukunftsentwürfe unattraktiv. Doch wer sich längerfristige Ziele setzt, wie zum Beispiel den Abschluss einer Schule und eines Studiums, braucht nicht nur eine Zukunfts- und Erwartungsvision, sondern auch Durchhaltevermögen – Weitblick! Wer demgegenüber zum kurzfristig schnellen Erfolg kommen will, wird oft enttäuscht und ist außerstande jene Frustrationstoleranz zu entwickeln, die zu einem mühsam und in weiterer Zukunft erreichbaren Ziele führt.

Aus diesen Gedanken lassen sich folgende gerontopädagogischen Forderungen ableiten:

1.    Anderen helfen, Sprache zu finden
Die Aufforderung, zu sich selbst Stellung zu beziehen, aktiviert den menschlichen Geist in Gestalt seiner Sprache. Wer zu sich Stellung bezieht, bringt sich in die Lage, von einem biografischen Gegenwartsplateau aus, Wünsche, Hoffnungen, ja Zukunftsentwürfe zu entwickeln.

2.    Zukunftsplanung
Wer Ziele hat, erkennt Sinn in der Aufgabe, die selbst gesteckten Ziele auch zu erreichen. Wer Ziele hat, lässt sich auf das Leben ein.

  

► Der zweite (logotherapeutische) Begriff ist der der Selbsttranszendenz.

Damit ist eine zweite urtypisch menschliche Fähigkeit gemeint, nämlich die Fähigkeit, von sich selbst absehen zu können, auf andere und anderes hin. Und dieses andere bin nicht ich! Die Hinwendung kann sich auf eine Aufgabe beziehen, die es zu bewältigen gilt, oder auf einen anderen Menschen, den man liebt und für den man da sein will, leben will.

Die Sinnerfahrung ereignet sich infolgedessen indirekt: Sinn wird in der Rückschau entdeckt, als unmittelbare Erfahrung im Nachhinein. Ein Gartenfreund etwa schafft einen halben Tag im Garten, gräbt um, pflanzt und mistet aus. Dann, abends, sagt er sich: das war ein schöner, erfüllter Tag. Würde er während der Gartenarbeit ständig an auf den Sinn seiner Tätigkeit konzentrieren, wäre seine Freude vielleicht nur halb so groß.

Frankl hat drei sogenannte Wertekategorien beschrieben, in denen ein Mensch Sinn finden kann.

1.) Die schöpferischen Werte, z.B. die Verwirklichung von Aufgaben, etwa beruflicher Art, im                           künstlerisch-musischen Bereich, im Spiel, im Sport und im Tanz, oder auch im sozialen Bereich (für          jemanden etwas tun)

2.)  Die Erlebniswerte, z.B. Museumsbesuche, Naturerlebnisse, Literatur, Theater, Musikereignisse

3.)  Die Einstellungswerte, z.B. gegenüber einem unabänderlichen Schicksal;
       Tapferkeit im Leiden, Würde    auch noch im Untergang und im Scheitern.

Frankl sagt: "Das Leben des Menschen behält seinen Sinn bis 'in ultimis' – demnach solange er atmet; solange er bei Bewusstsein ist, trägt er Verantwortung gegenüber Werten und seien es auch nur Einstellungswerte. Solange er Bewusst-sein hat, hat er Verantwortlich-sein. Seine Verpflichtung, Werte zu verwirklichen, lässt ihn bis zum letzten Augenblick seines Daseins nicht los" (Frankl 1982, 61). Auch bei dementen Menschen lässt sich Bewusstsein entdecken.


3. Fragment: Gerontopädagogische Konsequenzen

Verstehensprozesse einleiten – gegenseitige Akzeptanz

Niemand von uns war schon einmal älter als er jetzt gerade ist. Das klingt trivial und ist selbstverständlich. Wie aber können wir Menschen verstehen, deren typisches Lebensmerkmal (hier: alt oder sehr alt) nicht zu unserer Lebenserfahrung gehört? Wir sind also in unserem Verstehensprozess auf die Mitteilungen unserer Gegenüber angewiesen. Sie sind die Kompetenten, die Alterserfahrenen. Sie sind uns um die Erfahrung des Älterseins voraus. Diese Tatsache schafft eine gute dialogische Grundlage.

Das Verstehen des Anderen in seiner subjektiven Befindlichkeit ist für mich ein zentrales Anliegen der Gerontopädagogik.

Dialoge und Interessen – soziale Daseinsgestaltung

Ältersein bedeutet aber in erster Linie nicht einen chronologischen Unterschied zwischen zwei Gesprächspartnern. Ob der eine 60 ist und der andere 80, das sind zunächst einmal nur Zahlen. Kommunikativ wichtiger sind folgende Fragen:

Gibt es gemeinsame Interessen? Gibt es gemeinsame Aufgaben, die mit der Kompetenz eines jeden zu bewältigen sind?

Ich nehme noch einmal Bezug zu den Drei – Werte – Kategorien von Frankl und fülle sie mit ein paar Beispielen:

 

Schöpferische Werte

 

Erlebniswerte

 

Einstellungswerte

     
     

Projektarbeit, z.B. Garten anlegen; Verein gründen; Schreib- und Erzählwerkstätten; 
Studium beginnen

 

 Ausflüge zu interessanten Orten, z.B. eine Römerstadt, ein Tierpark, eine Gartenausstellung

 Nachdenken über bestimmte Wertbegriffe;
Zukunftsvisionen;
Daseinsgestaltung:
wie will ich leben?

 Eine eigene Kunstausstellung vorbereiten

 

 Theaterbesuche, Zirkus, Musikveranstaltungen

Hauskreis zu bestimmten Themen, z.B. gemeinsame Lektüre

 

 Soziale Aufgaben übernehmen, z.B. 
"alt hilft jung"

 

 Besuch eines interkulturellen Seniorentreffs

 Auseinandersetzung mit einer bestimmten Kultur

 Autobiografie schreiben;
'Testament' schreiben: welche ideellen Werte will ich hinterlassen?

 

Aufsuchen eigener biografischer Orte

 

 Beschäftigung mit anderen Biografien

 Favorisierte Sportart ausüben

 

 Teilnahme an Sportveranstaltungen

Stellungnahme zu 
politischen Fragen;
Einmischungen

 

Internet – Café einrichten

 Chatten

Sich vertraut machen im Medienzeitalter

 

Eigene Altersprojektionen

Wer mit älteren Menschen arbeitet und wer sich als jüngerer Mensch mit dem Älterwerden auseinandersetzt gelangt zu der Frage: Wie will ich altsein? 

Dabei ist eine biografische Erfahrung von Bedeutung: jahrelang erlebt sich der Mensch als Lebensgestalter. Über Jahrzehnte sind wir in der Regel gewohnt, über unsere Geschicke selbst zu bestimmen, indem wir  - zumindest subjektiv - unseren Lebenspartner aussuchen, dann in eine konkrete Familienplanung gehen, unsere Ausbildung, den Beruf und den Arbeitsplatz auswählen, die Wohnung aussuchen u.v.m. Über weite Lebensphasen hinweg ist es uns fremd, dass uns das Schicksal trifft und wir uns aus eigener Kraft dem Schicksal nicht wiedersetzen können. Gleichzeitig fallen die vertrauten Sinnsäulen im Leben: der Berufsausstieg kann einschneidend sein, der Auszug der Kinder, Verlust des Partners, schließlich der Verlust der Mobilität. Neuorientierungen sind gefragt, Flexibilität ist angesagt, fällt aber oft schwer.

Genau dieser Umstand aber begründet die Furcht vor dem Altsein: plötzlich trifft mich das Schicksal. Plötzlich bin ich nicht mehr Lebensgestalter. Möglicherweise breche ich mir ein Bein, plötzlich bin ich nicht mehr uneingeschränkt beweglich, plötzlich kann ich meine Geschicke nicht mehr selber bestimmen und bin auf fremde Hilfe angewiesen. Was bleibt mir dann noch an Lebenssinn?

Während der Bedarf an Betreuung zunimmt, sinkt die Zahl derer, die bisher aus dem vertrauten Kreis helfen konnten. Diakonische Hilfe wird lebensnotwendig! Gesellschaftliche Fürsorge wird zur sozialen Aufgabe!

Der Umgang mit Lebenskrisen folgt einem Erfahrungsmuster, das schon lange vor dieser Altersphase erprobt wird. Die psychologische Forschung hat für die positive Krisenbewältigung den Begriff der Resilienz[2] geprägt. Was ist darunter zu verstehen?  Resiliente Menschen akzeptieren die Krise und die damit verbundenen Gefühle, d.h. sie tabuisieren ihre veränderte Situation nicht. Sie lassen sich Zeit nach Lösungen zu suchen, in dem sie sich auf die neue Situation einstellen (Einstellungswert!). Resiliente Menschen versuchen, ihr Problem nicht im Alleingang zu lösen. Und schließlich erleben sie sich nicht bloß als Opfer, sondern Kraft ihrer Einstellungskompetenz als Mitgestalter ihrer veränderten Lebenslage. Wie gesagt: für all diese Fähigkeiten können wir bereits in jüngeren Jahren etwas tun! Während wir uns mit ganzer Lebensenergie auf die Daseinsgestaltung einlassen, bleiben wir eingestellt auf vorhersehbare Veränderungen.

Nichts ist mir näher als der ferne Tod (D. Lotz)

Die reale Zukunftszeit kann man mit der Formel "X minus LA" (LA = Lebensalter) ausdrücken. Wobei X für den späteren Todestag steht. Während die Zahl der Lebensjahre zunimmt, rückt der Tag X immer näher. Auch in der letzten Lebensphase speist sich die Sinnerfahrung aus den Lebenseinstellungen davor. Hier scheinen mir zwei Daseinsentwürfe von Bedeutung zu sein.
Einmal geht es um die mögliche Vorstellung, mit dem Tode sei alles aus; das wäre die lebensimmanente Sichtweise.
Und zum anderen geht es um die transzendente Vorstellung, dieses Leben ende nicht mit dem Tod, sondern erfährt - wie auch immer - eine Fortsetzung.

Ich möchte Ihnen an dieser Stelle die Begriffe der Verheißung und Über-Sinn näher bringen. Den Begriff "Verheißung" habe ich bei dem Heilpädagogen Paul Moor (1899-1977) kennen gelernt, der Begriff "Über-Sinn" stammt von Viktor E. Frankl.

Paul Moor erkennt im menschlichen Dasein die Möglichkeit des Vertrauens und der Zuversicht. Diese Tatsache wird leider oft übersehen. Wenn wir aber irgendein Projekt beginnen, so sind wir von der Zuversicht getragen: das wird schon werden, es wird schon gelingen. Wir wissen es aber zu Beginn nicht. Und wer genauer die Sache betrachtet, merkt, dass wir als Mensch nicht allein aus eigener Kraft zum Gelingen einer Aufgabe beitragen. Paul Moor sagt: "Es gibt größere Verheißung, Verheißung, die uns anspricht nicht nur aus dem was in uns ist, sondern auch aus dem, was um uns ist, und aus dem, was über uns ist" (Moor 1974, 270).

Sie spüren, hier beginnt der Glauben an etwas, das über unsere Vernunft hinausgeht und über die reine chronologische Lebenszeit hinausweist. 

Zu einer ähnlichen Auffassung kommt auch Viktor E. Frankl, wenn er vom "Über-Sinn" spricht. Natürlich kann sich kein Mensch außerhalb von Raum und Zeit denken, um von dort aus das Sinnganze der Welt zu erfassen. Frankl spricht hier von Sinnglaube und versteht darunter eine transzendentale Kategorie, die sich zwar jeder Beweisbarkeit entzieht, deshalb aber weder als pathologisch noch als absurd abzutun ist. "Der Sinnglaube als Glaube an eine letzte und höchste Sinngebung der menschlichen Existenz ist unverzichtbar, denn er allein ist Motivation und Grund menschlicher Sinnsuche und Sinnfindung" (zit. n. Böschemeyer 1977, 80).

Allerdings bezieht Frankl seine Darstellung des "Über-Sinns" nicht auf eine bestimmte Religion. Ihm ist wichtig, dass jeder Mensch unabhängig von seiner Religion oder Weltanschauung Sinn in seinem Leben finden kann.

 
4. Fragment: Klärungsfragen

Im Folgenden will ich Ihnen ein paar Fragen mit auf den Weg geben, die Sie sich nach Belieben selber beantworten können oder in Ihrer gerontopädagogischen Arbeit einfließen lassen können. Die Fragen sollen zur biografischen Auseinandersetzung dienen und zur Stellungnahme veranlassen:

 - Was verbinde ich mit dem Begriff 'Heimat'?

- Welche Erinnerungen habe ich zur Geschichte meiner Freundschaften?

- Gibt es etwas in meinem Leben, das ich abklären will?

- Mit wem will ich mich versöhnen?

- Von was will ich mich trennen?
    - von unerfüllten Erwartungen?
    - von materiellen Dingen?

-
Kann ich gut loslassen?

- Ist in meinem Leben das Verhältnis von Betreutwerden (social support) und Selbstverantwortung ausgewogen?

- Welche zentralen Wünsche begleiteten/ begleiten mein Leben?

- Was fällt mir ein zum Thema Sexualität und Liebesfähigkeit?

- Was bewegt mich aktuell? Was sind meine konkreten Erwartungen
    - im Leben?
    - nach diesem Leben? 



>> Ende des Vortrages <<

 

Einschüchterung

Von Wechseljahren weiß der Kenner,

Dass sie gefährlich auch für Männer.

Schon naht – sonst abhold der Verrohung –

Der Fachmann mit massiver Drohung:

Sie haben Sand in den Gelenken!

Sie können nicht mehr richtig denken!

Sie haben Kribbeln in den Beinen!

Sie fangen grundlos an zu weinen.

Sie sind versucht, sich selbst zu töten,

Sie leiden unter Atemnöten,

Schweiß rinnt von ihnen, ganze Bäche!

Sie fürchten sich vor Mannesschwäche!

Sie haben Angst vor Frauenzimmern!

Sie leiden unter Augenflimmern!

Schlaflosigkeit und Nervenzucken,

Fußkälte, Kopfweh, Schwindel, Jucken,

Ihr Herz beginnt zu klopfen, jagen,

Müd sind Sie, nieder-, abgeschlagen!

Der Ärmste, der dies schauernd liest,

Kriegt's mit der Angst und sagt: "Na, siehst!"

Und nimmt – das war der Warnung Willen –

Ab heut die guten Knoblauch – Pillen.

 

                                                        Eugen Roth

 

[1] Dieser Satz wird als Hauptergebnis der Bonner Gerontologischen Längsschnittstudie (BOLSA – Bonn Longitudinal Study of Aging) genannt Õ Internet

[2] Nuber, Ursula: Das Konzept "Resilienz"..., In: Psychologie Heute, Mai 1999

 

    Zurück zur Übersicht